Die Operative Fallanalyse befasst sich mit Spuren der etwas anderen Art, um in der polizeilichen Ermittlung Hinweise auf Tat und Täterschaft zu liefern. Im Mittelpunkt steht das genaue Nachvollziehen dessen, was am Tatort passiert ist.

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Bei schweren Kriminalfällen haben Ermittler/innen in der Schweiz die Möglichkeit, eine Operative Fallanalyse (OFA) anzufordern. Diese dient ihnen dazu, neue Ermittlungsansätze oder Hinweise zu erhalten oder die eigenen Einschätzungen und Vermutungen bezüglich Täterschaft und Tathergang von einer neutralen Instanz prüfen zu lassen. Wir haben bereits im ersten Teil zum Thema einige interessante Fakten zu diesem kriminalistischen Werkzeug erklärt.

Eine OFA dauert in der Regel eine Woche und wird von Fallanalytikern der Kriminalpolizei durchgeführt. Wird sie angefordert, löst das einen stets gleich ablaufenden Prozess aus:

Vorarbeit

Die nationale Ansprechstelle für Operative Fallanalysen, welche bei der Kantonspolizei Bern angesiedelt ist, behandelt die Anfragen aus den verschiedenen Polizeikorps. Nach Prüfung der Machbarkeit stellt sie ein OFA-Team zusammen. Bei einer Zusage erfolgt als Nächstes das Zusammenstellen der entsprechenden Unterlagen.

Einarbeitung

Ein Fallanalyse-Team setzt sich in der Regel aus fünf ausgebildeten Fallanalytiker/innen zusammen. Weitere Fachpersonen, wie der zuständige Rechtsmediziner oder die zuständige Rechtsmedizinerin, werden hinzugezogen. Das Team studiert die Akten zum Fall, das heisst, sämtliche Unterlagen bzw. die Faktenlage. Informationen von Polizei und Rechtsmedizin, wie zum Beispiel Berichte zur Spurenlage, dem Verletzungsbild des Opfers oder erste Zusammenfassungen der Ereignisse, bilden die Arbeitsgrundlage. Auch das Begehen des Tatorts gehört meistens dazu.

Eingehende Analyse

«Das Herzstück der OFA ist die Rekonstruktion des Tathergangs», so Hans-Peter Meister, Fachstellenleiter Kriminalanalyse und selber erfahrener Fallanalytiker. Auf Basis der objektiven und gesicherten Falldaten und der Informationen zum Opfer wird der Ablauf der Tat Schritt für Schritt rekonstruiert. «Wir splitten die Tat auf und gehen jeden einzelnen Handlungs-Schritt durch. Ziel ist es, einen «wahrscheinlichen», in zeitlich chronologischer Abfolge stimmigen Tatablauf zu erhalten. Dieser Prozess-Schritt dauert meist etwa zweieinhalb Tage.»

Zum Schluss muss sich das gesamte Team einig sein über den Ablauf der Tat. Jeder Schritt basiert auf den vorhergehenden und muss nachvollziehbar sein. Der rekonstruierte Tathergang darf keine Widersprüche beinhalten, jedes Puzzleteil muss passen. Alle möglichen Alternativen müssen behandelt und ausgeschlossen worden sein. Vom Team werden in der Regel auch einzelne Tatsequenzen nachgestellt.

Mit wem haben wir es zu tun?

Nachdem das Tatgeschehen rekonstruiert wurde, wird spezifisch auf das Verhalten der Täterschaft eingegangen. Das Team bewertet, ob die Person durch besonderes, womöglich untypisches Verhalten die Tat individuell geprägt hat. «Auch das Motiv sowie u.a. die Frage, ob es sich um eine geplante oder spontane Tat gehandelt hat, wird behandelt. Es ist wichtig zu wissen, ob Opfer, Tatort sowie Tatzeit zufällig gewählt wurden oder nicht», erklärt Hans-Peter Meister.

Nach der Verhaltensanalyse folgt die Erstellung eines Täterprofils. Dies dient insbesondere dazu, den Kreis der verdächtigen Personen einzugrenzen.

Ermittlungshinweise und Qualitätskontrolle

Die Operative Fallanalyse wird schliesslich durch die Erarbeitung von Ermittlungshinweisen abgerundet. Die Resultate der Analyse sowie auch die Hinweise präsentieren die Fallanalytiker/innen dann dem polizeilichen Ermittlungsteam. Bei den weiteren Ermittlungsarbeiten kann das Team der Fallanalyse zudem beratend tätig sein, zum Beispiel im Bereich der Befragungsstrategie.

Sobald ein Fall gelöst worden ist, bei dem eine Operative Fallanalyse eingesetzt wurde und die Täterschaft ermittelt werden konnte, erfolgt als letzter Schritt im Prozess eine interne Evaluation durch die Fallanalytiker/innen. «Wir überprüfen, wo wir mit unseren Einschätzungen richtig oder falsch lagen. Wenn unsere Schlussfolgerungen nicht identisch mit dem tatsächlichen Tathergang oder dem Täterprofil sind, versuchen wir herauszufinden, weshalb», erklärt Hans-Peter Meister. «Auf diese Weise können wir uns weiter verbessern.»