Am Samstagmorgen, 4. März 2017, durfte ich einer Grossübung der «Blaulichtorganisationen» beiwohnen. Unter der Federführung der Kantonspolizei Bern wurde auf der Autobahnstrecke der A16 zwischen Court und Loveresse ein schwerer Verkehrsunfall simuliert. Nach Abschluss des wirklichkeitsnahen Testes konnte durch den Leiter eine positive Bilanz gezogen werden. Rückblick auf einen bewegten Morgen.

Ein echtes Katastrophenszenario

Der Alarm wird kurz nach 8:45 Uhr ausgelöst. Ein Minibus mit neun Personen kam auf der Strecke Moutier-Biel von seinem Kurs ab und prallte gegen zwei Autos. Ein Lastwagen, der gleich hinterher kam, konnte den Fahrzeugen ausweichen und kam auf dem Pannenstreifen zum Stillstand. Aufgrund einer Unaufmerksamkeit hat sich auf der anderen Strassenseite eine zweite Kollision ereignet. Zwei Autos, darunter eines, das auf dem Dach liegt, sowie ein Lieferwagen sind involviert. Die Lage ist ernst und es herrscht eine bedrückende Stille. Dazu ist die Temperatur kühl und der Himmel grau. Obwohl es eine fiktive Lage ist, läuft es mir etwas kalt den Rücken hinab. Aufgrund der Gesichtsausdrücke der anderen Zuschauer würde ich wetten, dass ich nicht die einzige bin, die so fühlt…

Grosser Mittel- und Personenaufwand

Die Einsatzkräfte treffen rasch und kurz nacheinander ein, die Reaktionszeit wurde zu Übungszwecken halbiert. Einer nach dem anderen kommen die Angehörigen der Polizei, der Feuerwehr, der Sanität sowie auch ein Helikopter der Rega zum Ort des doppelten fiktiven Unfalls. Insgesamt sind nicht weniger als 75 Personen auf dem Viadukt «Eaux des Fontaines» eingesetzt – sie kennen weder das Szenario noch dessen Ablauf im Voraus. Etwa zwanzig Figuranten spielen die Rollen der Opfer, von schwer verletzt bis körperlich unverletzt. Überdies werden zwei Puppen werden «leblos» geborgen.

Etwas weiter weg sehe ich, wie die Polizisten einen Kommandoposten einrichten. Ich nähere mich und sehe ein grosses ziviles Fahrzeug mit zwei Arbeitsplätzen, Internetverbindung, Drucker und Funk. Der Übungsleiter, Marcel Germann, Chef stationierte und mobile Polizei Berner Jura, erklärt, dass es sich um eine mobile Einsatzzentrale handelt, aus der der gesamte Einsatz geführt wird. Dieses breite Dispositiv ist bei Grossereignissen üblich und wird von einem Einsatzkoordinator der Kantonspolizei Bern geleitet. Dieser ist verantwortlich für die gesamte Rettungsstrategie und den Einsatz der Ressourcen. Und er leitet die Koordinationsrapporte, die während des ganzen Einsatzes in regelmässigen Abständen stattfinden. Der Leiter jeder Blaulichtorgansisation – Feuerwehr, Polizei, Sanität – sowie der psychologischen Notunterstützung nimmt an den Rapporten teil, um dann die eigenen Einsatzkräfte zu führen. So kann das Ereignis gemeinsam effizient bewältigt werden.

Zahlreiche Angehörige der Feuerwehr kommen aus Moutier, aber zur Verstärkung auch aus Tramelan und Biel. Ihre grundlegende Aufgabe besteht darin, die Verletzten so schnell wie möglich aus den Fahrzeugen zu bergen, damit sie medizinisch versorgt werden können. Jede Minute zählt. Hier zerstückeln sie eine Türe, da schneiden sie eine Windschutzscheibe auf.

Ergänzend zu den Blaulichtorganisationen ist durch das Care Team des Kantons Bern eine psychologische Unterstützung für die unverletzten, aber unter Schock stehenden Personen gewährleistet. Ein tieferes Trauma kann mit einer frühzeitigen Betreuung vermieden werden. Die Verletzten sind in einem roten Zelt einige Meter vom Unfallort entfernt untergebracht. In Decken eingemummt, fangen die Kinder an, Uno zu spielen.

Etwas weiter entfernt ist die Turnhalle von Court zur medizinischen Hilfestelle umdisponiert worden. Das Pflegepersonal empfängt die Verletzten, um ihren Gesundheitszustand einzuschätzen und sie dann je nach Verletzungen den entsprechenden Versorgungsstellen zuzuweisen.

Positive Gesamtbilanz

Diese Übung dient dem Training der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Einsatzkräften, dem Test der Kommunikationsdispositive und der aktuellen Notfallkonzepte sowie dem optimalen Einsatz der bestehenden Interventionsmittel der verschiedenen Organisationen. In der Tat absolvieren die Interventionskräfte seit etwa zehn Jahren regelmässige gemeinsame Weiterbildungen. Bei der Bilanz wendet sich der Leiter Marcel Germann an die Versammlung. Mit Stolz erklärt er, dass die Übung hervorragend gemeistert wurde. Er betont auch, dass die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Organisationen und die Professionalität der eingesetzten Personen ausgezeichnet war. Es seien lediglich einige Details zu verbessern.

Nach der Arbeit das Vergnügen

Die Übung endet mit einem Imbiss. In einer lockeren Atmosphäre geniessen wir Wurst, Brot und Suppe in der nun verhalten scheinenden Sonne. Die Diskussionen sind leicht und fröhlich. Der Druck der Übung ist etwas vergessen. Schon bald aber verschlechtert sich das Wetter wieder und die Teilnehmer verlassen schnell den Ort, um sich irgendwo unterzustellen.