Verbrechen und Unglücke kennen keine Grenzen. Entsprechend ermitteln wir auch von der dritten Dimension aus: der Luft. Unterstützt werden wir dabei mitunter von der Luftwaffe, welche Polizeikorps schweizweit nicht nur mit der nötigen Technik, sondern auch mit Know-how zur Seite steht – übrigens mehrheitlich ausserhalb der Bürozeiten.

Es war der 17. Januar 2015, der Tag des Lauberhorn-Slalomrennens, als in Wengen ein junger Mann als vermisst gemeldet wurde. Zuletzt gesehen gegen 19.30 Uhr, war er seither verschwunden. Eine sofortige Suche wurde eingeleitet, schliesslich entdeckte man eine Spur im Schnee. Diese führte in Richtung Lauterbrunnen, direkt in unwegsames Gelände – und direkt ins Dunkel der Nacht. Was nun bei eisigen Minustemperaturen begann, war ein Wettlauf gegen die Zeit und vor allem ein ungleicher Kampf gegen die Dunkelheit.

Die Einsatzkräfte des Fachdienstes FLIR der Luftwaffe

Gerade dann, wenn die Tageszeit, die Weitläufigkeit und wie in diesem Fall die Topografie des Gebiets (Absturzgefahr) eine Geländesuche erschweren oder verunmöglichen, werden diejenigen beigezogen, die dank ausgeklügelter Technik ausgerechnet nachts am meisten sehen: Die Einsatzkräfte des Fachdienstes FLIR der Luftwaffe.

FLIR steht für «forward looking infrared», ein mit Detektoren ausgerüstetes System, das in der Lage ist, Wärmestrahlung zu erkennen, bildlich darzustellen und somit sichtbar zu machen. Kurz gesagt: Selbst wenn Objekte und Personen bei Dunkelheit schon lange nicht mehr von blossem Auge erkennbar sind, kann sie das FLIR punktgenau ausmachen. Ein Prinzip, das Leben retten kann, so auch beim Einsatz in Wengen: Im Rahmen der Suchaktion konnte der Mann schliesslich mit Hilfe des FLIR gegen 6.30 Uhr im Gelände entdeckt werden. Stark unterkühlt zwar, aber nur leicht verletzt.

Kleines Team, grosser Erfahrungsschatz

Voraussetzung für eine erfolgreiche Suche ist ein «thermaler Kontrast», erklärt Christian Lucek, Chef Fachdienst FLIR bei der Luftwaffe. Die Temperatur der gesuchten Person muss sich von derjenigen der Umgebung unterscheiden – je deutlicher, desto besser. Und: Die Wärmebildkamera arbeitet mit einem optischen Sensor, sprich es braucht einen direkten Sichtkontakt. Hält sich eine Person beispielsweise in dicht bewaldetem Gebiet auf, kann sie der FLIR unter Umständen auch nicht ausmachen.

Gerade weil dem FLIR auch Grenzen gesetzt sind, bedarf es bei der Frage nach Möglichkeiten und Sinn eines Einsatzes stets einer Lagebeurteilung durch den Spezialisten. Diese Aufgabe hat der fliegende Einsatzleiter der Kantonspolizei (FEL). Seine Aufgabe ist es, den fliegerischen Teil des polizeilichen Einsatzes zu koordinieren und zu leiten. «Je früher der fliegende Einsatzleiter durch den Einsatzkoordinator der Polizei vor Ort (EK Front), beigezogen wird, desto besser für uns und alle Beteiligten», so Lucek. Das beschleunige die Abläufe, könne helfen, das Suchgebiet einzuschränken und die Erfolgsaussichten zu steigern. Im Bereich der technischen Zusammenarbeit ist der FEL somit Bindeglied zwischen Luft und Boden. «Die fliegenden Einsatzleiter sind für uns sehr wichtig und wir sind froh, hier auf gut ausgebildete Kräfte zählen zu können», ergänzt Lucek.

In den letzten Jahren habe schweizweit eine Professionalisierung stattgefunden. «Die Kantonspolizei Bern verfügt über fliegende Einsatzleiter, die topfit auf ihrem Gebiet sind.» Auch umgekehrt wird die Kooperation sehr geschätzt: «Insbesondere die für Such- und Rettungsflüge eingesetzten Crews der Luftwaffe verfügen über immense Einsatzerfahrung», so Christian Aebi, Chef der Abteilung Planung und Einsatz (P+E) und in dieser Funktion auch Chef FEL. «Know-how und das nötige Equipment machen die Luftwaffe für uns zu einem wichtigen Partner.»

Insgesamt verfügt die Luftwaffe über sieben Berufs-FLIR-Operateure – ein kleines Team, das damit vom umso grösseren Erfahrungsschatz jedes Einzelnen profitiert und vor allem die polizeilichen Bedürfnisse sehr genau kennt.

Wanderer, Demente und Einbrecher im Auge des FLIR

Jährlich leistet die Luftwaffe rund 30 Einsätze im Bereich Personensuche. Gesucht wurden Wanderer, Pilzsammler, behinderte oder demente Personen sowie Personen, die sich in persönlichen Ausnahmesituationen befanden. Aber auch bei der Suche nach Tätern auf der Flucht leistet der FLIR immer wieder Unterstützung. Im August 2015 etwa unterstützte die Luftwaffe die Kapo bei der Suche nach mutmasslichen Einbrechern, die in ein Waldstück geflohen waren. Die Crew stand während rund zwei Stunden im Einsatz, um das relativ schwierige, schwer überblickbare Gebiet systematisch abzufliegen.

Was im Einsatz zählt, ist eine gut abgestimmte Kommunikation zwischen allen Beteiligten. Insbesondere Such- und Rettungsflügen, sogenannten SAR-Flügen, seien ein «Multicrewbusiness», so Lucek: Zwei Piloten, ein FLIR-Operateur, ein FEL, ein Windenoperator und ein Rettungshelfer. Bei einer Mindestbesetzung von sechs Mann müsse die Kommunikation unter den Crewmitgliedern strukturiert und diszipliniert ablaufen. Hinzu kommt dann noch die Kommunikationsführung des FEL mit der regionalen Einsatzzentrale (REZ), dem EK-Front und dem erweiterten Kreis an Bodenkräften. «Hier muss alles sitzen. Im Einsatz sind wir ein Team.»

Dieser Text ist eine bearbeitete Version eines Artikels aus der Personalzeitung der Kantonspolizei Bern Tschugger vom Frühling 2016.