Die Gebirgsspezialisten der Kantonspolizei Bern sind zuständig, wenn die Polizeiarbeit abseits der normalen Wege und Strassen erledigt werden muss. Ein Einblick in ihre Arbeit, und warum es auch in Zukunft leider eher mehr als weniger Unfälle gibt.

 

Bei der Polizeiwache in Interlaken steht ein besonderes Auto: Der mit Sonderausrüstung ausgestattete graue VW Bus ist das Einsatzfahrzeug der Gebirgsspezialisten der Berner Kantonspolizei. Diese sorgen nicht nur beim alljährlichen Skiweltcup für die nötige Sicherheit, sondern sind generell im Einsatz für all jene, die am Berg verunfallen.

Mehr Bergsportler, mehr Unfälle

Seit den 1950er Jahren bildet die Kantonspolizei bergkundige Polizisten zu Gebirgsspezialisten aus: Mit der Eröffnung der Jungfraubahn im Jahr 1912 wurden die Anmarschwege zu den Gletschern und Bergen kürzer. Immer mehr Bergsteiger versuchten sich an den Bergen in unserer Region – was leider auch zu mehr tragischen Unfällen führte. Heute stehen bei uns zwölf Gebirgsspezialisten im Einsatz. Neben der besonderen polizeilichen Ausbildung bringen wir die Begeisterung für die Berge schon mit; sei es als Bergführer oder begeisterte Kletterer.

Unfall, Fahrlässigkeit oder doch ein Verbrechen?

Was machen die Gebirgsspezialisten der Polizei bei einem Unfall im Gebirge? Ist ein Unfall nicht einfach Pech? Das mag in manchen Fällen so sein. Doch wir haben den gesetzlichen Auftrag, Unfälle mit schweren Verletzungen und/oder Todesfolge zu untersuchen. Ausserdem sind etwa beim Klettern in den meisten Fällen immer mindestens zwei Personen beteiligt, der Kletterer und der Sicherer. Bei möglicherweise schadhaften Leihausrüstungen oder Kletterwänden wären noch Dritte involviert. Kurzum: Abgesehen von der Möglichkeit, dass es sich beim Unfall auch um einen kriminellen Akt handeln könnte, steht immer die Frage der Fahrlässigkeit im Raum. Wir Gebirgsspezialisten untersuchen, ob einer oder mehrere Beteiligte fahrlässig oder vorsätzlich gehandelt haben. Unser Auftrag ist eine objektive Aufklärung des Unfallhergangs.

Detektivarbeit bei der Unfallaufnahme

Die fachgerechte Unfallaufnahme muss möglichst rasch erfolgen. Was man am Ereignistag nicht dokumentiert, sicherstellt und erfasst, ist im Grunde verloren. Ohne diese Informationen kann der Sachverhalt Monate später nicht mehr beweiskräftig aufgearbeitet werden. Allfällige Spuren und das Material sind meist längst weg, und die Auskunftspersonen können mittlerweile Wahrnehmungslücken oder -veränderungen aufweisen. Sind die Arbeiten am «Tatort» sowie erste Einvernahmen gemacht, muss die Unfallursache soweit möglich ermittelt werden. Die genaue Unfallursache herauszufinden, ist oft ein langwieriger Prozess. Manchmal kommt es vor, dass ich in der Nacht aufwache und mir «ds 20gi ahikeit»: Ich kann die Spuren im Gelände mit den Materialspuren oder den Verletzungen kombinieren; das Ganze ergibt plötzlich einen Sinn.

Angehörige in schwierigen Situationen betreuen

Die Betreuung von Angehörigen der Unfallopfer ist wohl belastend, kann aber auch dankbar sein. Ich habe schon erlebt, dass Angehörige eines tödlich abgestürzten Bergsteigers in die Schweiz kamen, und ich intensiven Kontakt mit ihnen hatte. Selber Bergsteiger, waren sie froh, dass der zuständige Polizeibeamte auch Bergführer und Sachverständiger war. Sie wussten, dass so eine fachgerechte Unfallaufnahme sichergestellt war. Wie bei jedem Unfall möchten die Angehörigen genau wissen, was passiert war. Es kam auch schon vor, dass die Angehörigen einen Schuldigen suchten. Hier kann unsere Arbeit allenfalls dazu betragen, andere beteiligte Personen zu entlasten.

Ungeklärte Todesfälle am Berg?

Bei einem verschwindend geringen Teil der Fälle kommen Zweifel auf, ob es sich wirklich um einen Unfall gehandelt hat. Aber es gibt sie, und es gibt die Fälle, die unklar bleiben. Es stürzt ein Ehemann an einer Stelle in den Bergen ab, die nach unserer Meinung nicht absturzfähig ist. Es stellt sich heraus, dass die begleitende Ehefrau mit dem dritten

Begleiter ein Verhältnis hat. Da steht zumindest ein Verdacht im Raum. Es gibt tatsächlich echte Kriminalfälle im Berg- und Trendsportbereich – den Autoren der derzeit so angesagten Bergkrimis sollte der Stoff somit nicht so schnell ausgehen.

Gebirgsspezialisten sind auch Bergsportler

Wer Gebirgsspezialist werden will, sollte Kenntnisse und Erfahrungen im Bergsport mitbringen. In unseren Kursen ist es fast unmöglich, einen Mitarbeiter von Grund auf auszubilden. Von den Gebirgsspezialisten wird erwartet, dass sie in ihrer Freizeit in den Bergen unterwegs sind und einen guten Leistungsstand haben. Mit den sich ständig weiter entwickelnden Materialien muss man sich zwingend auseinandersetzen und Fachzeitschriften und -bücher studieren. Wir setzen ein hohes Mass an Engagement und Eigeninitiative voraus.

Immer mehr Bergsportler, immer mehr Unfälle. Leider.

Die Berge werden in Zukunft ihren Reiz als Spielplatz der Extreme nicht verlieren. Die Ausrüstung und das Material werden immer raffinierter; Extremsportler stellen neue Rekorde auf, die sie in ihren Filmen und Videos zeigen. Immer mehr Menschen möchten selbst solche Abenteuer erleben. Auch Sportarten wie Wandern und Skifahren werden immer beliebter, und es wird unweigerlich zu Unfällen kommen. Wenn ich an einem schönen Sommertag den Himmel über Interlaken betrachte, sehe ich unzählige Gleitschirme, Deltasegler oder Fallschirmspringer. Im Herbst 2015 erschien ein neuer Canyoningführer; allein im Kanton Bern werden über 50 Canyons beschrieben. Hochtouren werden in den Führern mit detaillierten Beschreibungen und GPS-Daten als «deppensicher» verkauft. Die intensive Auseinandersetzung mit der Tour wird teilweise vernachlässigt und es kommt unweigerlich zu Unfällen. Das alles sorgt dafür, dass die Anforderungen an die Gebirgsspezialisten und an unsere Organisation auch in Zukunft ständig steigen werden.