In der Alltagssprache hört man manchmal von der «Tierseuchenpolizei» – wer damit tatsächlich gemeint ist, ist der kantonale Veterinärdienst. Dieser kümmert sich in erster Linie sowohl um den Tierschutz als auch um den Schutz vor Seuchen von Tieren im Kanton Bern. Die Kantonspolizei Bern unterstützt ihn dabei.

Dr. med. vet. Marco Geisseler vom Veterinärdienst mit unseren Kollegen P. Peronino und D. Marjanović

Der Veterinärdienst ist organisatorisch gesehen ein Teil des kantonalen Amtes für Landwirtschaft und Natur. Obwohl die Stelle formal nicht wie in der Umgangssprache eine eigentliche «Polizei» ist, besteht durchaus eine Verbindung und Kooperation mit der Kantonspolizei Bern: «Am intensivsten findet unsere Zusammenarbeit im Bereich Tierschutz statt», erklärt der Berner Kantonstierarzt Reto Wyss.

Polizei und Veterinärdienst arbeiten Hand in Hand für gesetzeskonforme Tierhaltung

Gemäss Tierschutzverordnung leistet das Polizeikorps dem Veterinärdienst die nötige Amts- und Vollzugshilfe. In der Praxis geschieht das meist zur Sicherheit und zum Schutz der Mitarbeitenden des Veterinärdienstes: Kontrollierte Tierhalter sind ihnen gegenüber nämlich gar nicht immer positiv gestimmt. «Wenn wir strafrechtliche Widerhandlungen gegen die Tierschutzgesetzgebung feststellen, werden diese von der Kantonspolizei zur Anzeige gebracht», führt Reto Wyss weiter aus und fügt an: «Die Kantonspolizei führt die nötigen Ermittlungen zum Aufklären und Verfolgen von Verstössen durch. Wir unterstützen sie dabei, zum Beispiel indem wir den Gesundheitszustand eines Tieres einschätzen.»

Der Veterinärdienst ist für die Verwaltungsverfahren zuständig und verfügt die Massnahmen zur Wiederherstellung einer gesetzeskonformen Tierhaltung. Sein Ansprechpartner bei der Kantonspolizei ist die Fachstelle Tierdelikte, für die der Kantonstierarzt viel Lob findet: «Es ist ein grosses Fachwissen vorhanden, was eine sehr gute und effiziente Zusammenarbeit ermöglicht.»

Krankheiten früh erkennen und wo möglich eindämmen

Beim Veterinärdienst des Kantons Bern setzt sich der Fachbereich «Tiergesundheit» unter anderem mit Tierseuchen auseinander. Die Seuchenvorsorge und – bekämpfung zählt neben dem «Tierschutz» und der «Lebensmittelsicherheit» zu einem der Hauptaufgabengebiete des Veterinärdienstes. Die Vogelgrippe war beispielsweise im letzten Winter in Europa ein Thema, selbst wenn sie nicht mehr täglich in den Medien auftaucht. In vielen Ländern kam es zu Krankheitsausbrüchen bei Hausgeflügel. Im Kanton Bern wurden Mitte November 2016 am Bielersee erste Fälle von Vogelgrippe bei Wildvögeln nachgewiesen. Reto Wyss erklärt: «Im Rahmen der Tierseuchenbekämpfung haben wir die Möglichkeit, falls nötig Zwangsmassnahmen anzuordnen oder uns Zutrittsrechte zu verschaffen. Man spricht dabei von seuchenpolizeilichen Massnahmen.»

Auch in Bezug auf die Bekämpfung der Vogelgrippe gibt es Berührungspunkte mit der Polizei: «Neben den Wildhütern wurde auch die Seepolizei von uns instruiert, was bei Auffinden eines Wildvogelkadavers zu beachten ist. Wir wurden über die Funde benachrichtigt, damit wir dem toten Tier eine entsprechende Probe entnehmen konnten», erzählt Reto Wyss. «Das Wichtigste dabei ist, dass Hausgeflügel strikt vor dem Kontakt mit Wildvögeln geschützt wird. Unter anderem aufgrund der anhaltend tiefen Temperaturen in Nordeuropa hatte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV diese Schutzmassnahmen gegen die Vogelgrippe erlassen. Für den Laien ist dieser Zusammenhang im ersten Moment überraschend, geht man doch intuitiv davon aus, dass vielmehr warme Temperaturen die Verbreitung von Krankheitserregern begünstigen. Der Kantonstierarzt klärt auf: «Die Kälte führte dazu, dass mehr Wildvögel gegen Süden zogen – und mit ihnen das Virus.» Die verstärkte Migration hatte somit eine rasche Ausbreitung über weite Strecken zur Folge.

Der beste Seuchenschutz: Gesunde Tiere

Auch ein weiterer Fakt erstaunt: Bei hochansteckenden Tierseuchen wie der Vogelgrippe sind Impfungen in der Schweiz verboten. Denn einerseits kann nicht zwischen geimpften und effektiv angesteckten Tieren unterschieden werden, was den Nachweis der Seuchenfreiheit und damit den internationalen Handel verunmöglichen würde. Andererseits besteht das Risiko, dass geimpfte Tiere zwar nicht an Vogelgrippe erkranken, das Virus aber dennoch aufnehmen und weitergeben können. Das würde dem Ziel der Ausrottung von hochansteckenden Tierseuchen zuwider laufen und über kurz oder lang zu einem Übergreifen der Krankheit auf Hausgeflügel führen. Ein Szenario, welches der Veterinärdienst mit allen Mitteln verhindern will und welches bisher in der Schweiz auch glücklicherweise nicht eingetroffen ist.